Erfahrungsbericht Guido aus Hangzhou

Mit 68 nochmal vor eine fremde Klasse

Guido

Gastdozent in Hangzhou – Antriebs- und Steuerungstechnik

Als die Anfrage kam, war ich seit knapp zwei Jahren im Ruhestand. Und ehrlich gesagt: Der Ruhestand und ich waren noch nicht ganz warm miteinander geworden. Ich hatte über dreißig Jahre unterrichtet, freiberuflich, meistens im Mechatronik Bereich, mal an Berufsakademien, mal in der betrieblichen Weiterbildung. Nun in meinem Unruhestand wurde das deutlich weniger.

Trotzdem habe ich fast abgesagt. Nicht wegen China. Wegen mir. Ein langer Flug, ein fremdes Klima, vier Wochen ohne die eigene Küche, und dann jeden Tag stehen und reden, ich war mir nicht sicher, ob mein Rücken und mein Kopf da noch mitspielen. Meine Frau hat den Ausschlag gegeben. Sie meinte, ich würde mich mein Leben lang ärgern, wenn ich es nicht mache. Sie hatte recht, aber das sage ich ihr nur ungern so direkt.

Angekommen bin ich Anfang November, spät abends, ziemlich durchgeschüttelt. Am nächsten Morgen stand ich zum ersten Mal vor der Klasse. Ich hatte mir eine Vorlesung vorbereitet, so wie ich sie in Deutschland hundertmal gehalten habe: sauber aufgebaut, Formel, Herleitung, Anwendung. Nach zwanzig Minuten habe ich in die Gesichter geschaut und gewusst, dass ich niemanden mehr erreiche. Nicht, weil sie desinteressiert waren. Sondern weil ich zu schnell sprach, zu viele Nebensätze baute und Wörter benutzte, die man in keinem Deutschkurs lernt. „Schlupf“, „Kennlinie“, „Rückführung“ – alles völlig selbstverständlich für mich, alles Kauderwelsch für sie.

Das war der eigentliche Lernprozess der ersten Woche, und er war unbequem. Ich habe dreißig Jahre lang geglaubt, ich könne erklären. In Hangzhou musste ich das neu lernen. Ich habe angefangen, weniger zu reden und mehr zu zeichnen. Ein Motor, ein Regelkreis, ein Pfeil, ein Wert daneben. Kurze Sätze. Immer wieder dieselben Begriffe, damit sie sich festsetzen. Die Deutschlehrerin, die im Unterricht dabei war, hat übersetzt, wo es klemmte, und mir abends ehrlich gesagt, was angekommen war und was nicht. Ohne sie wäre ich deutlich schlechter durch die vier Wochen gekommen.

Was mich überrascht hat: Mein Alter war dort kein Nachteil, sondern das Gegenteil. In Deutschland war ich zuletzt der Dozent, der langsam Richtung Rente schaut. Dort war ich jemand, dem man mit einer Selbstverständlichkeit Respekt entgegenbrachte, die mir fast unangenehm war. Man hat mir die Tasche abgenommen, den besten Platz am Tisch zugewiesen und beim Essen nachgeschenkt, bevor das Glas halb leer war. Ich habe eine Weile gebraucht, um das anzunehmen, ohne mich alt zu fühlen.

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Die Stadt habe ich mir in kleinen Portionen erschlossen. Nachmittags nach dem Unterricht bin ich losgelaufen, meist ohne Ziel. Der große See mitten in Hangzhou ist im November ruhig, nebelig und ziemlich schön, und man kann stundenlang am Ufer entlanggehen, ohne dass es langweilig wird. Auf dem Campus gab es Ecken, in denen morgens Leute Tai-Chi machten, und Ecken, in denen Baustellenlärm war. Beides gleichzeitig, das ist wohl typisch.

Die Abende waren der schwierigste Teil. Ab etwa acht Uhr saß ich allein im Zimmer, in Deutschland war es früher Nachmittag, und telefonieren wollte ich auch nicht jeden Tag. Ich habe viel gelesen und ehrlich gesagt auch ein paar Mal gedacht: Was machst du hier eigentlich. Diese Momente gehören dazu, und ich schreibe sie hin, weil sie mir vorher niemand gesagt hatte.

Am letzten Tag hat mir ein Student ein Blatt Papier gegeben. Darauf hatte er von Hand einen Antriebsstrang gezeichnet, komplett beschriftet, auf Deutsch, mit zwei Rechtschreibfehlern. Das Blatt hängt bei mir im Arbeitszimmer. Es ist der beste Beleg dafür, dass die vier Wochen etwas gebracht haben – für ihn und für mich.

Wenn Sie in einem ähnlichen Alter sind und überlegen: Machen Sie es. Aber gehen Sie nicht davon aus, dass Ihre Routine dort funktioniert. Meine hat es nicht. Genau deshalb war es die interessanteste Unterrichtserfahrung seit langem.

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