Erfahrungsbericht Janosch aus Qingdao
Ich habe Urlaub genommen, um zu arbeiten und würde es wieder tun.
Janosch
Gastdozent in Qingdao
im Fachbereich Mechatronik
Ich arbeite seit einigen Jahren in der Industrie und habe für diesen Einsatz Urlaub genommen. Das muss man erst mal jemandem erklären. Meine Kollegen fanden es ziemlich absurd: drei Wochen Jahresurlaub verbrennen, um auf der anderen Seite der Welt Unterricht zu geben. Ich hatte selbst Zweifel. Der Gedanke, im November am Schreibtisch zu sitzen und die gleichen Prozesse zu betreuen wie im Oktober, war allerdings stärker.
Vorbereitet habe ich mich zu selbstbewusst. Ich mache Antriebstechnik und Messtechnik jeden Tag, also dachte ich, ich packe meine Unterlagen ein und gut ist. Die erste Doppelstunde war entsprechend eine Ansage. Ich bin in meinem normalen Arbeitstempo losgelegt, mit den Begriffen, die bei uns im Betrieb selbstverständlich sind, und habe erst nach der Pause kapiert, dass ich seit einer Stunde vor mich hin rede. Das war unangenehm, und ich war abends ziemlich frustriert.
Was geholfen hat, war der Griff in die eigene Praxis. Ich hatte ein paar Fotos aus unserer Fertigung auf dem Rechner und einen Messschieber im Koffer, einfach weil ich ihn immer dabeihabe. Ab der zweiten Woche habe ich fast alles daran aufgehängt: echtes Bauteil, echte Toleranz, echte Frage. Warum messen wir hier dreimal? Was passiert, wenn das Ding zwei Hundertstel daneben liegt und in die Montage geht? Da wurden die Leute wach. Theoretisch waren sie erstaunlich gut, besser, als ich erwartet hatte. Was fehlte, war die Verbindung zu einem realen Teil, das man in die Hand nehmen kann. Genau dafür bin ich offenbar dagewesen.
Qingdao im November ist windig und ziemlich leer am Wasser. Ich bin mehrmals an der Küste entlanggelaufen, mit Jacke, und hatte den Strand praktisch für mich. Die Stadt hat wegen ihrer Geschichte ein paar Ecken, die für deutsche Augen sehr merkwürdig vertraut aussehen – alte Backsteingebäude zwischen Hochhäusern. Ich hatte damit nicht gerechnet und fand es fast irritierend. Ansonsten: gutes Bier, sehr gutes Essen am Wasser, und Leute, die nachfragen, woher man kommt, sobald man auch nur zwei Sätze auf Chinesisch stammelt.
Organisatorisch lief es unauffällig, und das meine ich als Lob. Abholung, Unterkunft, Stundenplan, Ansprechpartner vor Ort – ich musste mich um nichts kümmern, was nicht mit meinem Unterricht zu tun hatte. Bei p&f konnte ich vorher alles fragen, was ich wissen wollte, auch die banalen Sachen.
Mitgenommen habe ich vor allem etwas, das ich nicht erwartet hätte: einen anderen Blick auf meinen eigenen Job. Wir bilden im Betrieb aus, und ich habe früher relativ ungeduldig erklärt. Seit Qingdao mache ich das anders. Wenn jemand nicht mitkommt, ist meine erste Frage inzwischen nicht mehr, ob er aufgepasst hat, sondern ob ich es verständlich gesagt habe. Diese drei Wochen haben mich als Kollegen wahrscheinlich mehr verändert als jede interne Schulung der letzten Jahre.
Und ja – der Urlaub war weg. War es trotzdem wert.

