Erfahrungsbericht Thaddäos aus Hangzhou

Gerade wenn Sprache und Technik gleichzeitig eine Herausforderung darstellen, muss der Unterricht möglichst greifbar werden.

Thaddäos

Gastdozent in Hangzhou Polytechnic
im Fachbereich Informatik

Zwei Wochen als Gastdozent in China

Im Mai 2024 ging es für mich für zwei Wochen nach China, genauer gesagt nach Hangzhou. Mein Auftrag war es, am Hangzhou Polytechnic Mikrocontrollertechnik und C Programmierung zu unterrichten.

Dass ich irgendwann einmal in China vor einer Klasse stehen würde, war so nicht geplant. Informatik hat mich allerdings schon länger begleitet. Im Abitur hatte ich Informatik als Profilfach und dabei bereits viel mit Mikrocontrollern und Programmierung gearbeitet. Später studierte ich Wirtschaftsinformatik an der Hochschule Pforzheim und begann nebenbei, vor allem Mathematik Nachhilfe zu geben.

Über eine Kontaktempfehlung entstand schließlich die Möglichkeit, einen Lehrauftrag in China zu übernehmen. Der Kontakt lief über die pecunia & fortuna GmbH und die chinesische Vermittlung AERY.

Ich fand die Vorstellung ziemlich spannend. Nicht nur wegen des fachlichen Themas, sondern auch, weil es eine Gelegenheit war, einmal etwas zu machen, das deutlich außerhalb meines normalen Alltags lag. Also sagte ich zu.

Erst einmal in China ankommen

Ganz entspannt begann die Reise nicht.

Es war das erste Mal, dass ich so weit von Deutschland entfernt unterwegs war. Von Frankfurt ging es zunächst nach Shenzhen und von dort weiter nach Hangzhou. Anschließend folgte noch eine längere Autofahrt zum Campus.

Irgendwo während der Reise fiel mir plötzlich auf, dass ich mir überhaupt keine Gedanken über die Steckdosen in China gemacht hatte.

Am Flughafen in Shenzhen kaufte ich deshalb etwas panisch noch ein Ladekabel für meinen Laptop. Später stellte sich heraus, dass dieses dafür gar nicht richtig geeignet war und dass die ganze Sorge ohnehin größer gewesen war als das eigentliche Problem. Mit Unterstützung vor Ort besorgte ich mir schließlich noch einen passenden Adapter.

Das war einer dieser Momente, in denen ich kurz darüber nachdachte, ob ich mich vielleicht doch etwas besser hätte vorbereiten sollen.

Nach der langen Reise kam ich spät am Abend an, aß noch etwas und ging schlafen. Viel Zeit zum Ankommen gab es allerdings nicht. Am nächsten Morgen stand direkt der erste Unterricht an.

Unterricht am Hangzhou Polytechnic

Ein normaler Unterrichtstag begann ungefähr um 9 Uhr und ging bis etwa 16 Uhr. Dazwischen gab es eine Mittagspause und kleinere Pausen, sodass die Tage trotz des vielen Unterrichts angenehm aufgebaut waren.

Ich wohnte direkt auf beziehungsweise sehr nah am Campus und konnte morgens einfach zu meinem Unterricht laufen.

Besonders angenehm war, dass ich meinen Unterricht ziemlich frei gestalten konnte. Gleichzeitig war meistens eine Lehrkraft dabei, die mich unterstützte. Gerade wegen der Sprache war das wichtig.

Ich selbst unterrichtete auf Deutsch. Für die Studenten bedeutete das natürlich, gleichzeitig einem technischen Thema und einer Fremdsprache folgen zu müssen. Eine Deutschlehrerin konnte deshalb immer wieder übersetzen und Dinge noch einmal erklären.

Für mich war das ebenfalls eine neue Unterrichtssituation. Man merkt ziemlich schnell, dass es nicht reicht, einen fachlich guten Vortrag vorzubereiten. Gerade wenn Sprache und Technik gleichzeitig eine Herausforderung darstellen, muss der Unterricht möglichst greifbar werden.

Deshalb teilte sich der Kurs grob in zwei Teile. Zu Beginn ging es stärker um die Grundlagen der Mikrocontrollertechnik. Danach wurde es zunehmend praktisch.

Wir programmierten einfache Anwendungen, steuerten LEDs an, arbeiteten mit Tastern und probierten verschiedene Abläufe aus. Teilweise nutzten wir dafür auch Simulationen am Computer.

Gerade die praktischen Aufgaben kamen deutlich besser an. Einige Studenten hatten vorher kaum programmiert. Dann zu sehen, dass ein selbst geschriebenes Programm tatsächlich etwas auslöst, war für viele wahrscheinlich interessanter als noch eine weitere Folie mit Theorie.

Natürlich gab es auch Studenten, die weniger begeistert waren. Aber vermutlich findet man das in Deutschland genauso.

Für mich selbst war gerade diese Erfahrung wertvoll. Zwei Wochen lang eine Gruppe in einem anderen Land zu unterrichten, mit einer Sprachbarriere umzugehen und spontan zu merken, was funktioniert und was nicht, ist noch einmal etwas anderes als klassischer Einzelunterricht.

Moderne Technik trifft auf eine ganz andere Umgebung

Der Campus selbst hat mich teilweise überrascht.

Die technische Ausstattung war ziemlich gut. Es gab große digitale Boards, Klimaanlagen und moderne Technik in den Unterrichtsräumen. Gleichzeitig wirkten manche Gebäude oder Räume deutlich älter und vor allem funktional gebaut.

Man konnte also durch eine moderne Tür gehen, an digitaler Technik vorbeikommen und kurz darauf in einem Raum stehen, in dem der Boden knarrte.

Genau diese Mischung fand ich interessant.

Auch im Unterricht gab es Situationen, die man in Deutschland so wahrscheinlich nicht erlebt hätte. Für einige Programmieraufgaben mussten wir Software herunterladen. Das war allerdings nicht immer ganz so einfach, weil bestimmte Internetseiten und Dienste in China nicht ohne Weiteres erreichbar waren.

Spannend war dabei vor allem, wie selbstverständlich die Studenten und Lehrer damit umgingen. Für mich war es ungewohnt. Für sie gehörte es einfach zum normalen Umgang mit dem Internet.

Auch außerhalb des Campus war die Digitalisierung ständig präsent.

Bezahlt habe ich meistens über Alipay. Meine deutsche Debitkarte konnte ich dort hinterlegen und danach sehr unkompliziert mit dem Smartphone bezahlen.

Das funktionierte teilweise einfacher als die Bestellung selbst.

Einmal wollte ich in einem kleinen Laden einfach nur ein Getränk bestellen. Ich konnte die Karte nicht vernünftig lesen, die Mitarbeiter konnten kein Englisch und viele andere Kunden bestellten offenbar direkt über ihr Smartphone.

Also blieb mir nicht viel anderes übrig, als irgendwie zu zeigen und zu erklären, was ich haben wollte.

Am Ende hat es funktioniert.

Solche kleinen Situationen sind wahrscheinlich genau die Dinge, an die man sich später mehr erinnert als an perfekt geplante Programmpunkte.

Das Leben neben dem Unterricht

Nachmittags und abends blieb normalerweise noch etwas Zeit für mich selbst. Manchmal ging ich noch raus und schaute mir etwas von der Umgebung an. An anderen Tagen blieb ich einfach in meiner Unterkunft und hatte Kontakt mit Freunden aus Deutschland.

Besonders interessant waren für mich die gemeinsamen Essen mit den Lehrkräften.

Dort ging es dann nicht mehr um den Unterricht. Stattdessen wurde über Musik gesprochen, über Deutschland und China, über Reisen und darüber, wie das Leben im jeweils anderen Land aussieht.

Einige meiner Ansprechpartner waren selbst schon in Deutschland gewesen. Dadurch entstanden Gespräche, die man wahrscheinlich nicht führt, wenn man ein Land nur als Tourist besucht.

Auch viele kleine alltägliche Dinge waren ungewohnt.

Zum Beispiel Wasser.

In Deutschland denke ich kaum darüber nach, ob ich Leitungswasser trinken kann. In China musste ich darauf achten, immer genügend Trinkwasser zu Hause oder unterwegs zu haben. Erst dadurch ist mir aufgefallen, wie selbstverständlich solche Dinge im eigenen Alltag werden.

Auch beim Essen gab es viel Neues zu entdecken. Die Auswahl in den Geschäften war komplett anders, genauso wie viele Snacks und Getränke. Das auszuprobieren war definitiv Teil der Erfahrung.

Ganz dauerhaft vom chinesischen Essen überzeugen konnte ich mich trotzdem nicht. Dafür mag ich das Essen zu Hause dann doch etwas zu gerne.

Überrascht hat mich außerdem, wie grün viele Gegenden rund um Hangzhou waren. Vor meiner Reise hatte ich bei China eher riesige Städte im Kopf. Während der Fahrten sah ich aber auch viel Natur und bewaldete Landschaften.

Was von den zwei Wochen geblieben ist

Wenn ich heute auf die Reise zurückblicke, ist wahrscheinlich gar nicht ein bestimmter Unterrichtstag das Entscheidende.

Es ist eher das Gefühl, einmal komplett aus dem eigenen normalen Umfeld herauszukommen.

Am einen Tag sitzt man noch in Deutschland und überlegt, ob man für so einen Auftrag wirklich bereit ist. Wenig später steht man nach einer langen Reise morgens in China vor einer Klasse und erklärt Mikrocontrollertechnik.

Für meinen eigenen Unterricht habe ich vor allem mitgenommen, wie wichtig Praxis ist. Wenn jemand selbst etwas ausprobieren kann und unmittelbar sieht, was sein Programm bewirkt, entsteht ein ganz anderer Zugang zu einem technischen Thema.

Noch wichtiger war für mich aber der Blick auf China selbst.

Natürlich kann man vorher Berichte lesen, Videos anschauen oder sich über soziale Medien ein Bild machen. Ein Land selbst zu erleben, dort zu arbeiten und mit Menschen vor Ort zu sprechen, ist trotzdem etwas völlig anderes.

Wenn ich noch einmal nach China reisen würde, würde ich deshalb wahrscheinlich versuchen, noch mehr vom Land zu sehen und noch mehr Zeit mit den Menschen außerhalb des Unterrichts zu verbringen.

Die zwei Wochen waren auf jeden Fall eine Erfahrung, die ich so vorher noch nie gemacht hatte und die ich auch heute noch sehr positiv in Erinnerung habe.

Und sollte es irgendwann noch einmal nach China gehen, schaue ich vorher wahrscheinlich trotzdem kurz nach, welche Steckdosen mich erwarten.

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