Erfahrungsbericht Till aus Zaozhuang
Drei Wochen, in denen ich mehr über Erklären gelernt habe als im ganzen Studium
Till
Gastdozent in Zaozhuang – Einführung in die Technologie für Elektrotechnik und Künstliche Intelligenz
Ich studiere Maschinenbau im Master und hatte eigentlich vor, das Semester ganz normal mit einem Werkstudentenjob zu überbrücken. Dann kam die Möglichkeit, in China zu unterrichten, und die Vorstellung, in einem Büro Excel-Tabellen zu pflegen, hat schlagartig an Reiz verloren.
Was mich vorher am meisten beschäftigt hat, war der KI-Teil. Elektrotechnik-Grundlagen, kein Problem, das deckt sich gut mit meinem Studium. Aber künstliche Intelligenz war nicht mein Fachgebiet, und ich hatte tatsächlich etwas Sorge, ob mein Wissen dafür ausreicht. Die Sorge war unnötig. „Einführung“ stand nicht umsonst im Kurstitel: Es ging um Grundbegriffe und einfache, greifbare Beispiele, keine Forschungsfragen. Mit dem, was ich aus dem Studium mitbrachte, war ich eher überversorgt als überfordert – ich musste mich stellenweise eher bremsen, nicht zu tief einzusteigen, damit ich das Niveau nicht überziehe. Trotzdem war genau das lehrreich: Auch einfache Inhalte so aufzubereiten, dass sie jemand ohne Vorwissen und dazu noch in einer Fremdsprache versteht, ist eine eigene Fähigkeit, die man sich erst erarbeiten muss.
Zaozhuang ist keine der Städte, die man aus Reiseführern kennt. Für chinesische Verhältnisse gilt sie als klein, was witzig ist, wenn man aus dem Pfinztal kommt. Ich bin die ersten Tage einfach viel gelaufen und habe geschaut. Am meisten hängen geblieben sind die Autos. Ich bin Autofan, seit ich denken kann, und was da auf den Straßen fährt, ist ein anderes Universum. Überall Elektro, Marken, von denen ich vorher noch nie gehört hatte, Innenräume wie ein Wohnzimmer mit Bildschirm. Ich habe irgendwann angefangen, Fotos von Kennzeichen und Modellen zu machen, was meine Studierenden ziemlich unterhaltsam fanden. Zwei von ihnen haben mich dann an einem Nachmittag zu einem Händler mitgenommen, damit ich mich mal reinsetzen kann. Das war einer der besten Nachmittage der ganzen Zeit.
Zweites Thema, bei dem ich ehrlich sein muss: das Essen in der Mensa. Ich hatte damit gerechnet, dass ich mich durchbeiße. Stattdessen habe ich dort besser gegessen als in jeder deutschen Mensa, in der ich je war. Frisch gemacht, riesige Auswahl, und für ein paar Yuan wird man satt. Ich bin fast jeden Tag hin, meistens mit Studierenden, die mir erklärt haben, was ich da eigentlich bestelle. Ein paar Sachen habe ich absichtlich nicht gegoogelt.
Im Unterricht war der Anfang zäh. Ich stand vor der Klasse, habe eine Frage gestellt und bekam Stille. Nicht bösartig, eher vorsichtig. Niemand wollte vor allen anderen etwas Falsches sagen. Ich habe dann aufgehört, ins Plenum zu fragen, und stattdessen in Kleingruppen arbeiten lassen. Ab dem Moment lief es. In der Gruppe reden sie, probieren, rechnen falsch, korrigieren sich gegenseitig – und wenn dann einer für die Gruppe vorträgt, ist der Druck raus. Das war meine wichtigste didaktische Erkenntnis, und die habe ich mir nicht ausgedacht, sondern schlicht aus der Not heraus ausprobiert.
Was ich mitgenommen habe: mehr Ruhe vor Gruppen, deutlich mehr Geduld und die Erfahrung, dass man sich in ein Thema reinarbeiten kann, auch wenn man am Anfang nur die Hälfte versteht. Für den Lebenslauf ist es sicher nett. Für mich persönlich war es mehr.

