Erfahrungsbericht Viktor aus Qingdao
Zwischen Kulturschock, 70 stummen Gesichtern und purem Wachstum.
Viktor
Gastdozent in Quingdao
„Gegen eine Wand reden“ – Die Realität im Klassenzimmer.
Ich merkte schnell: Frontalunterricht führt hier zu nichts als Frust. Also habe ich die Strategie geändert.
Hallo zusammen! Ich bin Victor, und wenn mir vor ein paar Monaten jemand gesagt hätte, dass ich allein in einer chinesischen Millionenstadt vor einer Klasse von 70 Leuten stehen würde, ohne ein Wort Chinesisch zu sprechen und ohne Lehrerfahrung – ich hätte es wohl selbst kaum geglaubt. Jetzt, wieder zurück, blicke ich auf eine Zeit zurück, die mich mehr geprägt hat als jede Reise zuvor.
Warum macht man sowas eigentlich?
Ich war schon immer der Typ für das „kalte Wasser“. Ich liebe Herausforderungen und bin gerne international unterwegs, aber China war für mich komplettes Neuland. Mein Antrieb? Die Welt mit eigenen Augen sehen, eine völlig fremde Kultur von innen heraus verstehen und testen, ob ich auch in extremen Situationen bestehe. Ich wollte lernen, wie man Wissen vermittelt, und mich in neue Themen reinfuchsen.
Würde ich es wieder tun? Ein klares Ja! Allerdings mit einer kleinen Einschränkung: Beim nächsten Mal würde ich versuchen, in meinem direkten Fachgebiet zu unterrichten. Es macht einfach noch mehr Spaß und gibt einem mehr Sicherheit, wenn man über die Dinge spricht, für die man wirklich brennt.
Qingdao, Peking und die Tücken des Alltags
Mein Abenteuer startete in Qingdao. Eine faszinierende Stadt an der Küste, die ich in meiner Freizeit ausgiebig erkundet habe. Ein absolutes Muss, wenn man dort ist: Ein Wochenendtrip nach Peking. Mit den Hochgeschwindigkeitszügen ist man rasend schnell dort, alles ist super organisiert und die Erfahrung, an der Großen Mauer oder in der Verbotenen Stadt zu stehen, ist unbeschreiblich.
Aber machen wir uns nichts vor: Der Alltag ist anfangs ein echter Kampf. In China gibt es eine verdammt steile Lernkurve. Ohne Apps läuft gar nichts. Alles – wirklich alles – muss man über Alipay oder WeChat regeln, Taxis ruft man über Didi, und für jedes Straßenschild braucht man Google Lens zum Übersetzen. Es gab Momente, da stand ich einfach nur da und war kurz vor dem Verzweifeln. Aber das Schöne ist: Es funktioniert am Ende doch immer irgendwie. Man wächst mit jedem kleinen Erfolgserlebnis.
„Gegen eine Wand reden“ – Die Realität im Klassenzimmer
Das Arbeiten vor Ort war eine krasse Erfahrung. Die Studenten sind zwar extrem respektvoll und die Menschen generell unglaublich hilfsbereit, aber im Unterricht stieß ich an Grenzen. Ich stand da vor 70 Leuten, von denen viele mich schlichtweg nicht verstanden haben oder permanent am Handy waren.
Vier Sitzungen à 90 Minuten pro Tag „gegen eine Wand“ zu reden, ist mental echt anstrengend. Ich merkte schnell: Frontalunterricht führt hier zu nichts als Frust. Also habe ich die Strategie geändert.
Mein Tipp für die ersten Tage (besonders bei passiven Studenten): Brecht das Eis durch Aktivität! Ich habe die Klasse in 10er-Gruppen aufgeteilt und ihnen die Aufgabe gegeben, selbst Präsentationen vorzubereiten. Während sie in ihren Gruppen gearbeitet haben, konnte ich durch die Reihen gehen, individuell helfen und – ganz wichtig – meinen eigenen Stoff für den nächsten Tag vorbereiten. Wenn sie dann vorne stehen und 10 Minuten auf Deutsch präsentieren müssen, kommen sie aus der Reserve. Zwingt sie nicht zu spontanen Antworten im Plenum; das ist ihnen oft peinlich („Face-Culture“). Gebt ihnen den geschützten Rahmen der Gruppe.
Was ich persönlich mitnehme
Trotz der Sprachbarriere und der Momente der Isolation (auf meinem Campus sprach kaum jemand Englisch oder Deutsch), war es ein persönliches Bootcamp. Wer es schafft, 70 desinteressierte Studenten zu bändigen und den Alltag in einem Land zu meistern, in dem man die Schrift nicht lesen kann, den wirft so schnell nichts mehr aus der Bahn.
Ich bin viel selbstbewusster geworden, was Präsentationen angeht, und habe gelernt, mich extrem schnell an neue Umgebungen anzupassen. China ist zudem ein wahnsinnig sicheres Land. Ich habe mich zu keiner Sekunde unwohl gefühlt. Wenn man Hilfe braucht, kümmern sich die Leute – auch wenn die Kommunikation nur über Hände, Füße und Übersetzungs-Apps läuft.
Meine Top-Tipps für dich:
Vorbereitung: Stress dich nicht mit einer perfekten Planung für die gesamte Zeit. Bereite die erste Woche vor, den Rest machst du vor Ort, während die Studenten an ihren Projekten arbeiten.
Technik ist alles: Ohne guten VPN und eine lokale eSIM (für mobiles Internet) bist du aufgeschmissen. Verlass dich nicht auf das Uni-WLAN.
Apps: Lade dir Alipay, Didi (für Taxis) und AMap (Navigation) schon vorher herunter.
Essen: Es ist fantastisch und günstig! Nutze Google Lens, um Speisekarten zu fotografieren.
Soziales: Frag nach, ob noch andere Dozenten da sind. Der Austausch mit Gleichgesinnten vor Ort ist Gold wert, da man sich sonst schnell etwas isoliert fühlen kann.
Fazit: Es ist ein gewaltiger Schritt aus der Komfortzone, aber es ist eine enorme Bereicherung für den Lebenslauf und vor allem für den eigenen Charakter. Trau dich einfach – alles wird gut!

